Menschen und Geschichten aus Sommacampagna

Drei Persönlichkeiten, drei wenig bekannte Geschichten – und drei unterschiedliche Blicke auf die Region

Im Laufe der Jahrhunderte haben Dichter, Schriftsteller und weniger bekannte Persönlichkeiten ihre Spuren in Sommacampagna hinterlassen und damit die Geschichte, Kultur und Erinnerung der Region geprägt. Lernen Sie drei von ihnen kennen – anhand von drei ganz unterschiedlichen Geschichten: Einige waren historische Persönlichkeiten, andere entstammen der Literatur oder der mündlichen Überlieferung. Eines verbindet sie jedoch alle: ihre enge Beziehung zu diesen Orten.

Tamburino Sardo

Der sardische Trommler

Custoza ist einer jener Orte, an denen Geschichte und Literatur auf besondere Weise miteinander verschmelzen. Edmondo De Amicis kämpfte hier tatsächlich am 24. Juni 1866 in der Schlacht von Custoza. Knapp zwanzig Jahre später wurden eben diese Landschaften zum Schauplatz einer der bekanntesten Erzählungen aus seinem Werk Cuore – „Il Tamburino Sardo“, der „sardische Trommler“.

Das Haus des sardischen Trommlers

Am 24. Juni 1866 nahm der junge Leutnant Edmondo De Amicis als Offizier der piemontesischen Brigade an der Schlacht von Custoza teil. Die Brigade gehörte zur 8. Division unter dem Kommando von General Efisio Cugia. Gemeinsam mit dem 3. Regiment blieb De Amicis zunächst als Reserve an den Hängen des Monte Torre, unweit von Pozzomoretto, zurück.
Am frühen Nachmittag erhielt seine Einheit den Befehl, in Richtung Monte Croce vorzurücken. Dort versuchten italienische Truppen, den österreichischen Vormarsch auf Custoza aufzuhalten. An diesem Tag sah De Amicis das Gebäude auf dem Hügel – damals das einzige Haus weit und breit – und prägte sich die Landschaft ein. Jahre später sollte er genau diese Orte in eine literarische Kulisse verwandeln.
In Cuore, das 1886 beim Verlag Treves erschien, spielt die Geschichte des sardischen Trommlers am 24. Juli 1848, während der Schlacht von Staffalo. Der junge Trommler wird von seiner Einheit getrennt und sitzt in einem von österreichischen Truppen umstellten Haus fest. Er erhält den Auftrag, Villafranca zu erreichen und Verstärkung zu holen. Durch ein Fenster gelangt er ins Freie und macht sich unter feindlichem Beschuss auf den Weg. Trotz einer schweren Verwundung gelingt es ihm, seinen Auftrag zu erfüllen.
Der sardische Trommler ist eine literarische Figur. Der Ort, an dem De Amicis seine Geschichte ansiedelte, ist dagegen real und eng mit seinen eigenen Erlebnissen bei Custoza verbunden. Das Haus, das traditionell als Schauplatz der Erzählung gilt, wird bis heute „Casa del Tamburino Sardo“ – Haus des sardischen Trommlers genannt.

Schon gewusst?

Die Geschichte spielt im Jahr 1848, De Amicis selbst kämpfte jedoch erst 1866 bei Custoza. Es handelt sich also um zwei unterschiedliche Momente des italienischen Risorgimento, die durch die Erinnerung des Schriftstellers und durch dieselbe Landschaft miteinander verbunden sind.
Im Juli 1954 wurde an der Fassade des Hauses, das als Schauplatz der Erzählung identifiziert wird, eine Gedenktafel angebracht. Sie erinnert an die berühmte Figur aus Cuore und verleiht einer literarischen Geschichte einen greifbaren Platz in der Landschaft. So wurde das Haus zu einem der faszinierendsten Zeugnisse der Vergangenheit von Custoza.

Zwei Wege, zwei Epochen

Die Orte, die De Amicis 1866 selbst durchquerte, sind dieselben, an denen die Geschichte des sardischen Trommlers im Jahr 1848 spielt.

  • Der Weg von De Amicis
    Der junge Offizier bewegt sich während der Schlacht von Custoza am 24. Juni 1866 in Richtung Monte Torre.
  • Der Weg des Trommlers
    In der Erzählung von De Amicis, die am 24. Juli 1848 spielt, läuft der junge Soldat in Richtung Villafranca, um seiner Armee eine Bitte um Verstärkung zu überbringen.

Von der Literatur zur kollektiven Erinnerung

Die Geschichte des sardischen Trommlers wurde zu einer der beliebtesten Erzählungen aus Cuore. Im Italien nach der Einigung wurde der junge Soldat zum Sinnbild für Mut und Opferbereitschaft. Im Laufe der Zeit löste sich die Figur zunehmend von den Seiten des Buches und fand ihren Weg in das kollektive Gedächtnis – durch Illustrationen, Ansichtskarten, Sammelbilder und Verfilmungen.
Auch hier in Custoza ist die Erinnerung an den Trommler bis heute lebendig: unter anderem durch die Gedenktafel am Haus, das traditionell als Schauplatz der Geschichte gilt.
So lebt eine Geschichte, die aus der Fantasie Edmondo De Amicis’ entstanden ist, bis heute Seite an Seite mit der realen Geschichte dieser Landschaft weiter.

Gidino da Sommacampagna

Der Hofpoet aus Sommacampagna

Im 14. Jahrhundert, als Verona von der mächtigen Familie der Scaliger beherrscht wurde, gelangte ein Mann aus Sommacampagna zu Ansehen am Hof der Herrscher. Sein Name war Gidino da Sommacampagna. Gidino wurde zwischen 1320 und 1330 in eine Familie aus Sommacampagna geboren und erhielt für seine Zeit eine ungewöhnlich umfassende Ausbildung. Er lernte Latein und Französisch und widmete sich der Literatur. Dabei setzte er sich sowohl mit den großen Autoren seiner Zeit als auch mit den Klassikern auseinander, darunter Vergil, Ovid und Dante.
Er war Dichter, Gelehrter und Musiker, zugleich aber auch ein Mann des Hofes. Im Dienst mehrerer Mitglieder der Familie della Scala übernahm er verschiedene Aufgaben und Ämter – unter anderem als Prokurator, Generalverwalter und Berater. Sein Leben verlief allerdings nicht ohne Rückschläge. Nach dem Tod von Cangrande II. fiel er zeitweise in Ungnade und wurde sogar inhaftiert. Später gelang ihm die Rückkehr in einflussreiche Positionen im Dienst der Scaliger.

Ein Werk über die Dichtung des 14. Jahrhunderts

Zwischen 1381 und 1384 verfasste Gidino sein bekanntestes Werk, den „Trattato e arte deli rithimi volgari“, eine Abhandlung über die verschiedenen Formen der volkssprachlichen Dichtung. Das Werk ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil Gidino darin versucht, die unterschiedlichen Vers- und Reimformen seiner Zeit systematisch zu ordnen. Verfasst wurde es in der Volkssprache, die am Hof der Scaliger gesprochen wurde. Sie bewahrt Spuren des alten Veroneser Dialekts und dokumentiert damit einen wichtigen Abschnitt in der Entwicklung der italienischen Sprache jenseits des Lateinischen.
In seinen Schriften finden sich zahlreiche Bezüge zur klassischen Kultur, zu Ovid und zur dichterischen Tradition Dantes sowie Anspielungen auf die Geschichte und das Leben der Familie della Scala.

Schon gewusst?

Gidino war weit mehr als ein Dichter. Historische Quellen nennen ihn auch als Musiker und Astrologen sowie als Verwalter und Berater der Scaliger. Seine Geschichte eröffnet einen Blick auf eine weniger bekannte Seite des Verona des 14. Jahrhunderts: auf das Leben eines Mannes aus einer kleinen Ortschaft, dem es gelang, in die kulturellen und politischen Kreise des mächtigen Scaligerhofes aufzusteigen. Sein Name ist bis heute mit seinem Herkunftsort verbunden. Via Gidino da Sommacampagna im historischen Ortszentrum erinnert an den berühmten Sohn der Gemeinde.

Sego della Vecia

Die alte Frau, die jede Generation aufs Neue zum Leben erweckt

Custoza bewahrt eine Geschichte, die keinen einzelnen Autor hat, sondern über Generationen hinweg von der Gemeinschaft überliefert und immer wieder neu interpretiert wurde: den „Sego della Vecia“, eine alte volkstümliche Tradition, die seit dem 19. Jahrhundert aufgeführt wird und Generation für Generation Hunderte von Einwohnern und Tausende von Zuschauern zusammenbringt. Im Mittelpunkt steht eine alte Frau namens Vecia Marcolina, die plötzlich in das Leben einer kleinen bäuerlichen Gemeinschaft tritt und Unruhe und Angst verbreitet. Sie wird beschuldigt, Tiere zu stehlen und Brände zu legen, gefangen genommen und zum Tode verurteilt.
Mit Hilfe ihres Mannes gelingt ihr jedoch die Flucht. Sie versammelt eine Gruppe von Männern um sich und stellt sich den Truppen, die von den örtlichen Behörden aufgeboten wurden, in einer offenen Schlacht entgegen. Schließlich wird Vecia Marcolina besiegt und erneut vor Gericht gestellt. Ihre Strafe ist ebenso spektakulär wie symbolträchtig: Sie soll im Beisein des Teufels in zwei Hälften zersägt werden. Daher stammt auch der Name der Tradition: „Sego della Vecia“ – das Zersägen der alten Frau.

Eine Geschichte, die eine ganze Gemeinschaft erzählt

Im Laufe der Zeit wurde der Sego zu weit mehr als einer Theateraufführung. Ganze Generationen von Einwohnern Custozas waren an den verschiedenen Inszenierungen beteiligt und verwandelten Straßen, Häuser und die umliegende Landschaft in eine große Bühne. 
Die letzte große dokumentierte Aufführung fand am 23. März 1952 statt. Der Regisseur Giulio Piona beauftragte die Fotografen Musitelli aus Villafranca damit, die Aufführung fotografisch festzuhalten. Die Aufnahmen ermöglichen es heute, diesen besonderen Tag und seine Darsteller nachzuvollziehen. Die Bilder zeigen ein außergewöhnliches Schauspiel zwischen Dorftheater und Freilichttheater, fest verwurzelt in der Landschaft. Es gab keine traditionelle Bühne: Custoza selbst wurde zur Bühne der Aufführung.

Schon gewusst?

Der Sego della Vecia lebte nicht nur durch seine Handlung weiter, sondern auch durch seine zahlreichen Figuren: Vecia Marcolina, die Pignati, die Lazzaroni, die Ritter, die Artilleristen und die Ordnungshüter. Entlang des Rundwegs, der dem Sego gewidmet ist, erinnern Fotografien und Informationstafeln noch heute an die verschiedenen Stationen der Aufführung von 1952 – vom Umzug über die Schlacht und die Flucht bis zur abschließenden Szene. Es ist eine Geschichte ohne einen einzigen Autor und ohne eine einzige Hauptfigur. Es ist die Gemeinschaft von Custoza selbst, die sie über Generationen hinweg bewahrt, verändert und weitergegeben hat.